Zertifizierung

In Berlin wird das Leben besonders leicht neu.
Ernst Bloch (1885-1977)

Im öffentlichen Handel der EU darf als Bioprodukt nur das bezeichnet werden, was eine entsprechende Zertifizierung besitzt. Die EG-Öko-Verordnung von 2007 definiert, wie entsprechende landwirtschaftliche Erzeugnisse und Lebensmittel hergestellt und gekennzeichnet werden müssen. Um konventionell von ökologisch hergestellten Lebensmitteln klar unterscheiden zu können, gilt seit 2010 ein neues EU-Bio-Siegel (grünes Rechteck, darauf Sterne in Blattform angeordnet).
Das ÖkoGut Buch hat zur Erteilung des Bio-Siegels 2010 einen Vertrag mit der ÖkoP Zertifizierungs Gmbh (www.oekop.de) abgeschlossen. Seitdem findet jährlich eine Geländebegehung statt und es wird jede Menge Papierkram kontrolliert. Das ÖkoGut muss wie jeder überprüfte Betrieb dafür bezahlen.

Bio im Sinne des EU-Siegels bedeutet also salopp ausgedrückt, dass Pflanzen und Tiere ohne Chemie und ohne Gentechnik aufwachsen. Damit ist noch nicht gesagt, dass die Produkte ökologisch sinnvoll sind. Es ist beispielsweise ökologischer, „normale“ Äpfel und Weine aus der EU zu kaufen als Bio-Äpfel und Bio-Weine aus Übersee. Die größten ökologischen Probleme bei der Lebensmittelherstellung entstehen wohl durch die Massentierhaltung, aber gleich danach folgen Verpackung und Transport. Die Reduzierung von Fleisch, der Verzicht auf Müll und der Kauf in der Nachbarschaft bringt ökologisch oftmals mehr als ferne Bioware. Am besten sind natürlich regionale, unverpackte und vegetarische Bioprodukte. Viele Denkansätze dazu vereinigt die Bewegung Slow Food (www.slowfood.com) …

Bio-Landwirtschaft liefert nicht nur tendenziell gesündere Produkte, sondern ist auch ein großer Beitrag zur Artenvielfalt. Klassische Ökonomie-Modelle berücksichtigen viel zu wenig, welche Leistung beispielsweise die Insekten bei der Pflanzenbestäubung vollbringen. Ganz zu schweigen davon, dass jedes Lebewesen auf Wasser angewiesen ist und Deutschland schon lange wegen hoher Nitrat-Belastung in der Kritik steht.

Bezugsquellen von Bioware kann man grob in vier Gruppen unterteilen:

  • Bio ohne Bio-Bezeichnung: Klar darf man nach Bio-Kriterien hergestellte Waren auch ohne Zertifizierung handeln, man darf sie aber dann in der EU nicht Bio nennen. Für manche Erzeuger (kleine Gärtnereien, private Hühnerhalter, …) lohnt sich nämlich der bürokratische und finanzielle Aufwand nicht, der mit dem Zertifizierungsprozess verbunden ist. Wer als Käufer den Produzenten selbst genauer kennt, kann jedoch sozusagen die Herstellung beobachten.
  • Inhabergeführte Bioläden: Sie werden von den Besitzern beziehungsweise den Mitgliedern einer Trägerorganisation selbst betrieben und sind überwiegend sozial fest in der Nachbarschaft verankert, dazu zählt sich das ÖkoGut Buch (www.oekogut-buch). So begannen auch viele Bio-Pioniere, die Expansion von Bio-Ketten setzt inhabergeführte Läden jedoch zunehmend unter Druck.
  • Bio-Supermarktketten: Die beiden relevanten Bio-Supermarktketten im deutschsprachigen Raum heißen Denn‘s (www.denns-biomarkt.de, Sitz in Oberfranken, 43 Filialen in Berlin) und Alnatura (www.alnatura.de, Sitz in Darmstadt, 18 Filialen in Berlin). Rund um Berlin kommt noch die Bio Company (www.biocompany.de, 54 Filialen) dazu. Die Arbeitsbedingungen sind nicht so selbstbestimmt wie bei inhabergeführten Läden. Zeitweise wurde sogar untertariflich bezahlt.
  • Greenwashing durch große Konzerne: Auch einige Großkonzerne, denen Bio kein Herzensanliegen ist, wollen damit verdienen und ihr Image aufpolieren. Konsequent wäre, Produkte der fragwürdigsten Firmen wie Nestlé ganz zu boykottieren, auch wenn diese als Feigenblatt einzelne Biowaren anbieten. Man muss sich nur mal bei Wikipedia die Liste der bekanntesten „Sünden“ von Nestlé anschauen, und ja, ein Leben völlig ohne Nestlé-Waren ist möglich. Ökologisch besonders absurd sind Nespresso-Kapseln, bei denen die Kaffeeportionen ein vielfaches kosten und jede Menge Aluschrott anfällt, selbst teure Bohnen- oder Kaffeepulver-Maschinen rentieren sich im Vergleich dazu schnell. Einfach mal nachrechnen …

Welche Siegel existieren außerdem? Es gibt einerseits einige strengere Siegel als die EU-Bio-Zertifizierung und andererseits viele mit wenig Aussagekraft. Als besonders konsequentes Bio-Siegel gilt das des Verbandes Demeter. Dagegen sagt beispielsweise die Wortwahl „aus kontrolliertem Anbau“ eigentlich gar nichts aus. Logisch gesehen ist schließlich jeder Anbau ein irgendwie kontrollierter. Bei manchen Siegeln wie MSC für Fisch oder FSC für Holz werden Kriterien regelmäßig durch Nachlässigkeit und Korruption unterlaufen.
Soziale Standards in sogenannten ärmeren Ländern sollen durch Siegel wie Fairtrade gewährleistet werden, man spricht von fairem Handel. Das bedeutet aber nicht, dass die Löhne dort auf ähnliches Niveau wie in der EU kommen.