Giftpflanzen

alle ding sind gifft unnd nichts ohne gifft /
allein die dosis macht das ein ding kein gifft ist
Paracelsus (1493-1541)

Der berühmte Renaissance-Gelehrte Paracelsus wird oft mit diesem Spruch zitiert, hier die Originalschreibweise von 1538. Einerseits arbeitet die Medizin mit geringen Dosierungen heftig auf Organismen wirkender Stoffe, andererseits gibt es dokumentierte Todesfälle sogar bei einem Übermaß normalerweise wünschenswerter Nahrungsbestandteile. Wer einen schwachen Puls hat, dem tut ein „beschleunigendes“ Mittel gut. Wer gesund ist, dem schadet ein solches Mittel. Und wer täglich zwei Liter Karottensaft trinkt, kann daran sterben.

Konsumieren Sie, liebe Leserin und lieber Leser dieser Zeilen, nicht selbst oft Giftpflanzen? Denken Sie jetzt an Nikotin? Wer denkt außerdem an Kartoffeln und Tomaten? Dabei wäre es ganz einfach, einen Todestee aus den Blättern dieser Nachtschattengewächse zu bereiten …
Vor allem grüne Pflanzenteile von Kartoffeln und Tomaten enthalten Solanin, ab 200 Milligramm kommt es bei Erwachsenen zu Vergiftungserscheinungen. Solanin ist hitzebeständig, löst sich aber teilweise im Kochwasser.

Die Natur Deutschlands ist vergleichsweise ungefährlich. Vergleichsweise sowohl gegenüber anderen Gegenden als auch gegenüber Unfällen im Straßenverkehr oder im Haushalt. Die niedlichen Bücherskorpione und die listigen Ameisenlöwen kennt kaum jemand. Schließlich sind sie trotz ihrer furchterregenden Namensbestandteile für uns absolut harmlos. Unsere einzige Giftschlange ist sehr selten und sehr scheu. Ist Ihnen überhaupt schon jemals eine Kreuzotter begegnet? Tödliche heimische Wildpflanzen gibt es nur wenige. Zehn besonders wichtige seien im Folgenden kurz erwähnt.

  • Tollkirsche: Mit glänzenden schwarzen Beeren und deren süßem Saft besonders für Kinder eine attraktive und somit gefährliche Pflanze, wächst vorwiegend auf Lichtungen und an Waldrändern der Mittelgebirge.
  • Roter Fingerhut: Ebenfalls eine attraktive Pflanze der Waldlichtungen, wird seit langem von Fachärzten als Medizin bei Herzschwäche eingesetzt.
  • Blauer Eisenhut: Gilt als gefährlichstes Kraut Europas, bereits durch Berührungen können Gifte auf Menschen wirken. Wird aber trotzdem gelegentlich als Zierpflanze verkauft, es gibt auch Zuchtformen mit anderen Blütenfarben.
  • Maiglöckchen: Bei den Blättern besteht eine gewisse Verwechslungsgefahr mit essbaren Zwiebelpflanzen wie Bärlauch.
  • Schierling und Hundspetersilie: Ebenso wie unter Nachtschattengewächsen gibt es unter Doldenblütlern sowohl viele wichtige Kulturpflanzen als auch stark giftige Pflanzen. Legendär geworden ist die Hinrichtung des Sokrates durch einen Trank mit Schierlingssamen. Entsprechend sicher sollte man bei der Ernte von Doldenblütlern sein. Eine Verwechslung von glattblättriger Gartenpetersilie und Echtem Kümmel mit Hundspetersilie ist durchaus möglich. Möhre und Kerbel haben entfernte Ähnlichkeit mit jungem oder blühendem Schierling. Sogar Verwechslungen von Schafgarbe mit giftigen Doldenblütlern sind angeblich vorgekommen. Oft kann man Schierling und Hundspetersilie jedoch schon am unangenehmen Geruch nach Urin und Knoblauch erkennen.
  • Riesenbärenklau: Ursprünglich nur im Kaukasus beheimatet, breitet sich diese große Pflanze invasiv an Wasserläufen und Straßenrändern aus. Bereits Berührungen führen zu Brandblasen und Atemnot, bei Arbeiten mit dem Rasentrimmer kann der aggressive Pflanzensaft die Kleidung durchdringen.
  • Robinie und Goldregen: Die beiden hübschen Gehölze aus der Pflanzenfamilie der Hülsenfrüchtler sind mit Ausnahme der Robinienblüten giftig.
  • Eibe: Einziger ungiftiger Pflanzenbestandteil ist das rote Fruchtfleisch rund um die besonders giftigen Samen. Angeblich bereiten einige Leute daraus Marmelade zu. Das ist überaus riskant.

Wie soll man Kinder vor Giftpflanzen schützen? Tomaten und Kartoffeln und Auberginen verbieten? Viele beliebte Zimmerpflanzen ebenfalls? Buchsbaum und Rhododendron und Kirschlorbeer überall herausreißen? Die Vermittlung von Wissen über die Natur ist wahrscheinlich die beste Vorsichtsmaßnahme. Einige Ökovereine und ähnlichen Institutionen bieten spezielle Bildungsangebote für Kinder und Familien an. Zusätzlich zur Notarztnummer 112 existiert übrigens der Giftnotruf 030 / 19240.

Kinder haben zunächst einige recht sichere Reflexe gegenüber Gefahren in der Natur. In unserer heutigen Welt werden ihnen diese leider oft abtrainiert. Als Buchklassiker für diese Thematik zählt Jean Liedloffs „Auf der Suche nach dem verlorenen Glück“ von 1975. Liedloffs Beobachtungen bei den Yequana-Indianern im Dschungel Venezuelas sind immer noch lesenswert.

Viel gäbe es noch zu sagen, über die große Bedeutung mehr oder weniger giftiger Pflanzen in Brauchtum und Folklore, über Gegenmittel, über Pilze, … aber das wären eigene Themen …